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Jasmin VerReist

Über den Blog

Für alle Japan-Begeisterten, Reisefreunde und Kulturinteressenten oder auch einfach für die Leute, die sich fragen was ich "da drüben" so treibe, habe ich diesen Blog geschaffen. Hier möchte ich meine Erfahrungen und Eindrücke aus Japan mit euch teilen.

Noch 14 Tage…

Reise Posted on Sat, May 12, 2018 04:25PM

Zwei Wochen

Jetzt sind es noch genau zwei Wochen bis ich in das Flugzeug
steige, das mich wieder nach Deutschland zurückbringt… Es ist schon seltsam,
dass neun Monate sich so lange und gleichzeitig auch so kurz anfühlen können.

Mein Kalender ist übrigens vollgepackt mit letzten
Unternehmungen, darunter auch ein 4-Tages-Trip in die traditionelle Stadt
Kanazawa, Gepäck-Logistik und Vorbereitungen auf die Abschluss-Zeremonie. Was
mich besonders freut und gleichzeitig auch etwas unter Druck setzt: Ich wurde
gefragt, ob ich die Abschlussrede halten werde! Dementsprechend wälze ich
gerade wie ein Weltmeister Wörter und Gedanken im Kopf hin und her. Warum ist
es manchmal nur so schwer, Gefühle in Sprache umzuformulieren?

Daher ein kleiner Exkurs über ein paar Dinge, die ich
definitiv an Japan vermissen werde…

Japanisches Süßigkeiten

Ob Mochi, Matcha-Eis oder die süße Bohnenpaste Anko. Japan
hat nicht nur Sushi und Ramen zu bieten, sondern auch die süße Seite der kulinarischen
Köstlichkeiten ist genial.

Die Vorteile, ein Regenbogentier zu sein

Immer als jemand von außerhalb gesehen zu werden, egal was
man tut, bringt definitiv auch einige Vorteile mit sich. Es wird nicht so sehr
versucht, einen in die Konformität der Gesellschaft zu quetschen. Wenn man
Dinge nicht weiß, oder komisch sagt, ist das in Ordnung. Und die Mentalität
„auffallen tu ich eh“, nimmt einem so einiges an Sorgen und Stress.

Einkaufen am Sonntag

Da in Japan das Christentum nicht sehr verbreitet ist,
spielt auch der „heilige Sonntag“ hier eine eher untergeordnete Rolle. Es ist
wirklich praktisch, egal an welchem Wochentag seine Einkäufe erledigen zu
können oder mal kurz doch noch Fisch fürs Mittagessen kaufen zu können.

Freundliches Personal

Ich möchte nicht sagen, dass Personal in Deutschland
prinzipiell unfreundlich ist. Aber die Wahrscheinlichkeit, einem freundlichen
Menschen an der Kasse zu begegnen ist in Japan wirklich viel höher. Das liegt
vielleicht am ungeschriebenen Kodex, seine wahren Gefühle und Gedanken nur mit
den engsten Leuten, aber nicht mit der Öffentlichkeit zu teilen.
Dementsprechend wird sich definitiv mehr Mühe gegeben, schlechte Laune nicht
nach außen zu tragen.

Die Menschen aus ihouse!!

Der Punkt, der mir wohl wirklich am meisten fehlen wird,
bzw. dem ich am meisten nachhängen werde, werden wohl wirklich die lieben, lustigen,
etwas verrückten und einzigartigen Menschen sein, mit denen ich in den letzten
neun Monaten zusammenwohnen durfte. Danke ihr lieben!

Soweit zum Alltag. Sobald ich wieder etwas Luft habe, möchte
ich noch über ein paar andere Dinge schreiben, die mir in Japan aufgefallen
sind. Ihr dürft also gespannt sein. 😊



Japanisches Neues Jahr

Japan Posted on Sat, April 21, 2018 05:57PM

Wie im letzten Post schon versprochen, werde ich heute ein
paar Neujahrsbräuche vorstellen.

Für die Japaner nimmt Neujahr einen ähnlichen Stellenwert
wie für uns Weihnachten ein. Gefeiert wird deswegen im Kreis der Familie. Die
Neujahrszeit ist eine der Hauptferienzeiten in Japan, und die meisten Firmen
schließen vom 29. Dezember bis 3. Januar.

Das Ende des Jahres wird genutzt, um mit altem und
ungeklärtem abzuschließen und Dinge zu Ende zu bringen. Auch wird das Haus geputzt,
auf Vordermann gebracht und geschmückt.

Ähnlich wie unsere Weihnachtsfeiern trifft man sich im
Dezember mit der Firma oder der Abteilung zu einem sogenannten „Bounenkai“ um für
das letzte Jahr zu danken. Die Kanji, mit denen „Bounenkai“ geschrieben wird,
bedeuten übrigens so viel wie „das letzte Jahr vergessen“. Vielleicht wird
deswegen ja so viel Alkohol konsumiert? ^^

Was man als Japaner auf keinen Fall vergessen sollte, ist
das Versenden von Neujahrskarten an Bekannte und Kollegen. In Deutschland versendet
man auch mal eine Weihnachtskarte an die Oma oder so, aber hier gehört es
tatsächlich zur guten Etikette. Damit diese Karten auch genau an Neujahr
ankommen, werden sie übrigens von der üblichen Post getrennt gesammelt (es gibt
sogar einen extra Briefkasten dafür!) und tatsächlich am 1.1. ausgetragen.

Ist der 31. Dezember, Omisoka genannt, dann schließlich
gekommen, ist es Tradition, Soba-Nudeln zu essen. Das sind japanische, schmale
Nudeln aus Buchweizen, die durch ihre Länge für ein langes Leben stehen. Auch
machen viele in der Nacht auf Januar den ersten Tempelbesuch des Jahres,
Hatsumode genannt.

Um 24:00 gibt es dann kein lautes Knallen von Feuerwerk,
sondern man kann buddhistische Tempelglocken hören. Mit dem Schallen des Gongs
wird das neue Jahr eingeleitet und das Tierkreiszeichen wechselt. Letztes
Neujahr wurde beispielsweise das Jahr des Hahns vom Jahr des Hundes abgelöst.

Am nächsten Tag wird dann Oshogatsu, das neue Jahr gefeiert.

Es gibt besonderes Essen, die Kindern bekommen Neujahrsgeld von
ihren Verwandten, Spiele werden gespielt. Zur Feier werden traditionell Mochi
und „Osechi Ryouri“ gegessen. Osechi Ryouri ist eine spezielle Variante des
Obentos, einer japanischen Lunchbox. Die Speisen werden bereits im letzten Jahr
vorbereitet und kalt gegessen oder erwärmt.

Ursprünglich liegt der Gedanke dahinter, dass auch die
Hausfrau der Familie an Neujahr nicht arbeiten muss und sich gemeinsam mit der
Familie erholen kann. Heute bieten auch viele Supermärkte und Feinkostläden
Osechi Ryouri-Lunchboxen auf Bestellung an, weil die Zubereitung sehr aufwendig
ist.

Die Zutaten eines Osechi Ryouri haben alle eine Bedeutung.
Beispielsweise erinnert die gekrümmte Haltung der Garnele an eine alte gebeugte
Frau und steht für ein langes Leben. Oder die orangen Fischeier des Herings
stehen für eine Vielzahl von Kindern und Nachkommen und dafür für eine hohe
Fruchtbarkeit.

In den ersten Tagen nach Neujahr wird der Schrein besucht.
Ähnlich wie in Deutschland die Kirche vor allem an Heiligabend voll ist, gehen
die Japaner am 1. und 2. Januar zum Schrein um für ein gutes neues Jahr zu
beten.

Bekannten und Unbekannten Leuten wird ein „Akemashite
omedetou“ gewünscht, was so viel bedeutet wie „Frohes Neues“ oder „Auf gute
Zusammenarbeit auch dieses Jahr“.

Ab dem 3. Januar wird dann wieder gearbeitet und spätestens bis
zum 7. Januar ist dann auch alle Dekoration wieder entfernt und es geht normal
mit dem Alltag weiter. Für uns wäre das quasi die Zeit, in der der Christbaum
abgebaut und in die Obhut von Feuerwehr und Co. gegeben wird.

In der Vergangenheit wurde Neujahr übrigens an einem anderen Tag gefeiert, am
chinesischen Neujahr. Die Chinesen richten sich nämlich nach dem Mondkalender
und für sie beginnt daher das neue Jahr mit dem Neumond zwischen 21. Januar und
21. Februar. Mit der „Westernisierung“ Japans im Meiji Zeitalter von 1868-1912 haben
sich die Japaner jedoch an unseren Gregorianischen Kalender angepasst.



Weihnachten und Traditionen

Japan Posted on Sat, March 31, 2018 06:21PM

Feiern die Japaner eigentlich Weihnachten?

(Diese Frage und dieser Post kommen vielleicht etwas spät. Aber besser spät als
nie, nicht wahr?) smiley

Die Antwort ist: Ja! Die Japaner feiern Weihnachten. Aber
ganz anders, als wir es in Deutschland oder eben Europa tun.
Während in Deutschland Heiligabend normalerweise mit der
Familie verbracht wird, verbringt man in Japan den Abend mit seinem Partner. Es
ist ein Event für Pärchen, eigentlich so ähnlich, wie wir Valentinstag feiern.
Habt ihr Freunde oder Bekannte, die an Valentinstag nicht allein sein wollen
und die vor Valentinstag unbedingt noch einen Partner finden wollen? In Japan
kommt schon mal vor, dass große Anstrengungen unternommen werden um vor dem 24.
noch einen Partner zu finden. Oder man einfach mal den erstbesten nimmt, der in
Frage kommt. Ob man auf Langfrist zusammenbleibt, scheint da eher zweitrangig
zu sein.

Was machen jetzt aber die Leute, die keinen festen Partner
haben? Alleine bleiben? Muss nicht sein, denn man trifft sich einfach mit
seinen Single-Freunden und verbringt den Abend gemeinsam. Im Wohnheim haben wir
beispielsweise eine große Weihnachtsfeier veranstaltet, bei der jeder etwas zu
Essen und ein Geschenk mitgebracht hat. Es hat sich zwar mehr wie eine lustige
Feier angefühlt, als tatsächlich „Weihnachten“, aber schön war es trotzdem. 😊

Ein spannender Punkt beim japanischen Weihnachten ist das
Essen. Ich weiß wirklich nicht woher der Brauch kommt. Aber für einen Japaner
bedeutet Weihnachten: Chicken von KFC! Alle rennen zu Kentucky Fried Chicken
und kaufen frittiertes Hühnchen zum Mitnehmen. Die Schlangen sollen ziemlich
lang sein. Zum Nachtisch gibt es einen Kuchen, der mit Schlagsahne und
Erdbeeren verziert ist. Ke-ki wird er auf Japanisch genannt. Erdbeeren im
Winter? Fragt man sich vielleicht. Aber in Japanisch scheinen die wohl einfach
zum Fest dazu zu gehören, vielleicht ähnlich wie bei uns der Christbaum. Damit
hängt vielleicht auch zusammen, dass die Erdbeersaison in Japan schon im
Dezember beginnt und nicht erst im Frühling.

Warum haben die Japaner nun aber so ein anderes Verhältnis
zu Weihnachten? In Japan ist das Christentum kaum verbreitet. Die Religionen
sind Shintoismus und Buddhismus.

Es besitzt also keine kulturelle oder traditionelle Basis.
So, wie wenn wir in Deutschland Halloween oder Thanks Giving feiern, einfach
weil wir es mögen uns zu verkleiden oder gutes Essen zu uns zu nehmen. Es ist
also ein Fest, das durch Kommerz und Globalisierung entstanden ist.

Einen anderen Stellenwert hingegen nimmt Neujahr im Leben
der Japaner ein. Darüber dann im nächsten Post mehr. 😊



Von japanischen Häusern

Japan Posted on Sat, March 31, 2018 06:19PM

Während den Winterferien haben Jan und ich die Zeit genutzt,
Japan zu erkunden. Eine Etappe unserer Reise hat uns nach Hiroshima geführt. Dort
haben wir in einer Unterkunft im klassisch japanischen Stil übernachtet.

Wie kann man sich so ein Haus vorstellen? Die Wände sind aus
Reispapier und lassen sich aufschieben. Es gibt Tatamizimmer und man schläft
auf Futons auf dem Boden. Durch die dünnen Wände wird es aber auch richtig kalt
im Winter, Isolation gibt es hier kaum. Da hört man auch den Nachbarn im
übernächsten Zimmer durch die Wände schnarchen. 😉

Warum bauen die Japaner solche Häuser? Sie gehen nicht davon
aus, für immer an diesem Ort zu wohnen. Muss folglich also nicht so massiv
sein. Außerdem spielen vielleicht auch Naturgewalten wie Erdbeben eine Rolle,
durch die Häuser eh schnell zerstört werden können…

Im Deutschen herrscht hingegen die Vorstellung davon, mit
den eigenen Händen ein massives Haus zu bauen, in dem man alt werden kann. Erinnert
mich ein bisschen an das Sprichwort der Schwaben: „Schaffe, schaffe, Häusle
baue.“

Generell wird jedoch mittlerweile mehr (zumindest optisch)
im westlichen Stil gebaut. Dabei sind die Japaner aber wirklich schnell und
effizient. Hier in Nagakute, der familienreichsten Gegend in Japan, wachsen wie
über Nacht gefühlt ständig Einfamilienhäuser aus dem Boden. Man kann auf den
Baustellen förmlich zuschauen, wie ein Haus gebaut wird…

Aufgrund ihrer plattentektonischen Lage wissen Japaner
übrigens sehr viel darüber, wie man erdbebensichere Gebäude baut. Aus
akademischer Sicht kann es also sehr spannend sein, von diesen Spezialisten zu
lernen. Einer der anderen Austauschstudenten aus Bali hat beispielsweise vor,
im Anschluss an das Sprachprogramm hier in Japan Architektur zu studieren.



Bald geht es weiter…

Reise Posted on Sun, March 25, 2018 06:01PM

25. März 2018.

Es wird Frühling, die Sonne wärmt endlich wieder mit goldenen
Sonnenstrahlen, Vögel singen und bauen Nester. Und überall fangen Kirsch-,
Pflaumen- und Pfirsichbäume weiß, rosa und pink an zu blühen.

Vor mir liegen jetzt noch genau zwei Monate, bis ich wieder
in Deutschland ankomme. Dann ist das Kapitel Japan erst einmal zu Ende.

Das heißt aber nicht, dass hier auf dem Blog nichts mehr
passieren wird. Ich weiß, ich habe länger nichts mehr hochgeladen, aber das
heißt nicht, dass ich nichts Nennenswertes mehr passiert ist oder ich nichts
mehr zu erzählen hätte. Es ist eher so, dass ich jetzt, wo ich vor Ort in,
meine Zeit lieber genutzt habe, sie mit den Leuten hier zu verbringen, Ausflüge
zu machen und Japanisch zu lernen.

Nebenher habe ich mir immer wieder Notizen gemacht, wenn mir
bestimmte Dinge aufgefallen sind. Ich bin aber noch nicht dazu gekommen, sie
alle auf Papier zu bringen. Es gibt aber tatsächlich noch einige Dinge, über
die ich gern berichten würde.

Gerade bin ich damit beschäftigt, sie zu sortieren und zu
verschriftlichen. Das heißt, demnächst werden noch einige Posts folgen. Der
Stil wird jedoch ein bisschen anders sein, eher auf die japanische Gesellschaft
bezogen und die japanische Sichtweise zu bestimmten Themen. Ihr dürft also
gespannt sein. Ich freue mich, wenn ihr bald wieder vorbeischaut!

Eure Jasmin



About… making friends. Japanese Friends.

Japan Posted on Wed, November 08, 2017 06:52AM

Diesen Eintrag wollte ich eigentlich schon länger schreiben.
Jetzt tue ich es endlich mal. Es ist Freitagabend, ich habe eine Woche voller
bunter, toller Erfahrungen und Erlebnisse in Osaka, Kyoto und Nara hinter mir
und freue mich auf Morgen. Da werde ich mit zwei Mädels von hier ins Kiso
Valley zum Wandern fahren.

Seit über zwei Monaten bin ich jetzt schon in Japan und
studiere die japanische Sprache. Ich erinnere mich gut daran, wie ich vor ein
paar Wochen sehr, sehr deprimiert war, weil ich das Gefühl hatte, keine Japaner
kennenzulernen. Also im Sinne von mehr als übers Wetter reden oder zu erklären,
was man denn so toll an Japan findet. Ich hatte das Gefühl, nicht richtig aus
meiner „Blase“ rauszukommen: Unterricht, Gym oder Pool, Einkaufen, Kochen, mit
den Internationals im iHouse quatschen und Hausaufgaben am Abend…

Bei den gelegentlichen Partys und Veranstaltungen, die die
Japaner für uns veranstalteten, war ich eher ziemlich gestresst, weil es immer
einen ziemlichen genauen Plan gab, wann was gemacht werden sollte. Ich konnte
trotzdem mit vielen Leuten reden, hatte aber immer im Hinterkopf diese
Gelegenheiten gut nutzen zu müssen, weil es nicht so viele Überschneidungen mit
dem Alltag der Japaner gab… So sammelte ich viele LINE-Kontakte, hatte aber im
Endeffekt keinen großen Überblick darüber, wer jetzt wer war.

Dennoch… filterte sich dann ein Mädchen heraus, das mir auch
öfter mal in der Uni über den Weg lief und mit dem ich mich dann zum Essen
verabredete. Übrigens ist es wirklich ein merkwürdiges Gefühl, wenn jemand
freudestrahlend auf dich zukommt und deinen Namen kennt, du im Gegenzug aber im
ersten Moment noch nicht mal einordnen kannst, woher ihr euch kennt… Aber hey,
da wir Europäer so anders aussehen, haben die Japaner hier wirklich einen
großen Vorteil! Ich bin übrigens nicht die einzige, die ein bisschen Probleme
hatte, sich Namen und Gesichter zu merken. Aber gut fühlt man sich dabei
trotzdem nicht.

(Mittlerweile würde ich aber sagen, dass ich schon besser
darin geworden bin. Und am besten ist es, immer nur wenige Namen zu lernen und
sich Eselsbrücken zu bauen. Manche klingen nämlich wie Blumen oder Farben. Oder
was zu Essen…)

Jedenfalls – Nummern zu bekommen ist gar nicht so schwer.
Vor allem hat man wirklich einen gewissen Europäer-Bonus: Ich glaube, wenn ich
jedes Mal etwas Geld bekommen würde, wenn mich ein Mädchen anstatt mit „Hallo“
einfach mit dem Ausruf: „Kawaii!“ begrüßt und staunend anstarrt, wäre ich jetzt
richtig, richtig reich… Das ist anfangs ganz cool, aber irgendwann nervt es,
weil man sich doch sehr wie ein Objekt vorkommt. Und sich Sorgen darübermacht,
ob einen die Leute nur mögen, weil man eben aussieht, wie man aussieht. (Es
wird übrigens auch nicht besser, wenn wildfremde Mädchen dich in der Umkleide
ansprechen und ein Foto mit dir machen möchten.) Wenn man das Ganze aber mit
einem Lächeln und Schulterzucken sehen kann, ist es aber auch möglich, sich auf
die guten Seiten zu konzentrieren: Es ist ziemlich einfach, überhaupt in
Kontakt miteinander zu kommen. Europäer sind so gesehen erst mal verschlossener
würde ich sagen.

Also musste ich eigentlich einfach nur noch an einen Ort
gehen, wo man viele Japaner in ungezwungener Atmosphäre treffen kann und den
Mund aufmachen. Bei uns wären das vielleicht Studentenkneipen. Oder irgendwelche
Fachschafts-Partys. So etwas gibt es hier (leider) eher weniger. Die typische
Studenten-Atmosphäre in der man immer mal wieder zusammen ein Bier trinken
geht, herrscht hier weniger. Liegt vermutlich auch daran, dass der Konsum von
Alkohol erst ab 20 legal ist.

Wunderbarerweise gibt es hier aber eine andere Möglichkeit,
sich zu sozialisieren: Club-Aktivitäten! Nach dem Unterricht oder der
Universität ist es für Japaner ganz normal, noch gemeinsam Sport zu machen oder
ein anderes Hobby zu teilen. Daher war die Frage eigentlich eher: Wo finde ich
Leute, die sich für die gleichen Sachen interessieren wie ich? Ich liebe es, zu
tanzen. Deswegen bin ich einfach zum Treffen des HipHop und Jazz-Tanz-Clubs
gegangen. Das war recht aufregend, denn ich bin da ganz alleine hin. Ich kam
mir echt wie der bunte Hund vor. Im Endeffekt war es aber eine echt tolle
Entscheidung. Denn sobald ich einfach zu einer Gruppe von Mädels freundlich
Hallo gesagt hatte und erklärt hatte, was ich wollte, wurde ich mit offenen
Armen empfangen und integriert. Japaner sind wirklich sehr hilfsbereit! Solange
du einfach den Mumm hast, auf sie zuzugehen, kommt eigentlich immer was zurück.
Zum Club werde ich aber erst ab nächster Woche gehen, weil dann mit einer neuen
Choreographie angefangen wird.

Was sich aber sonst noch ergeben hat, ist der Volleyball-Club:
Dorthin hat mich mein Buddy mitgenommen. Obwohl ich zu meiner Schulzeit
eigentlich kein großer Fan von Volleyball war, gehe ich jetzt seit etwa einem
Monat zu den Treffen. Da der Club über 100 Mitglieder hat, geht es sehr locker
zu und die Teams werden immer wieder durchgemischt. Da auf den zwei
Spielfeldern immer nur 24 Leute aktiv spielen können, bleibt viel Zeit, sich
mit den anderen Leuten zu unterhalten. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal
sagen würde, aber ich bin wirklich froh, so lange in der Schule Volleyball
gelernt zu haben. So ist es echt angenehm, zu spielen, während man Kontakte
knüpft. 😊

Weiterhin lerne ich auch durch die Japanerinnen, die im
iHouse wohnen, Leute kennen oder die Bewohner, die schon das zweite Jahr hier
sind, bringen ihre Freunde mit. Bezüglich Freizeitplanung ist mir eines
aufgefallen: Hier wird gerne weit im Voraus geplant. Es ist nicht selten, dass
ich mich mit jemandem in zwei Wochen zum Essen verabrede. Oder ein Ausflug
geplant wird, der erst in einem Monat stattfinden wird. Anfangs hatte ich
deswegen das Gefühl, dass sich nichts tut. Wenn man dann aber etwas macht, wird
es meistens richtig cool. Deswegen braucht man hier einfach etwas Geduld… (Und
wenn man viele Pläne im Voraus macht, ist irgendwann immer was los. 😉)

Zum Schluss reiße ich noch das Thema Gender an: Man sieht
hier wenig gemischte Freundeskreise. Meist bleiben Mann und Frau eher unter
sich. Deswegen hat Miles zum Beispiel recht schwer, sich mit den Leuten in
seinem Studiengang (Global Communication) anzufreunden. Das sind nämlich nur
Mädels. Und die kichern dann ziemlich viel, wenn der aus dem Ausland mit ihnen
spricht und fühlen sich schnell angebaggert. Meine Japanerin hat mir jedenfalls
erzählt, dass die japanischen Kerle meistens entweder schüchtern sind oder sich
mehr für Anime und Games interessieren, als für Mädels. Deshalb wird Kontakt
von männlicher Seite wohl schnell als Anmache gesehen… Im Volleyball-Club kommt
mir das aber nicht so vor. Da habe ich das Gefühl, dass alle sehr locker und
freundschaftlich miteinander umgehen. Das liegt aber vielleicht auch an der
ungezwungenen Atmosphäre? Ich bin jedenfalls echt froh drüber.

Nun verabschiede ich mich wieder bis zum nächsten Mal. Es
tut mir Leid, wenn ich nur spärlich schreibe, aber ich hoffe ihr bleibt mir
trotzdem treu und schaut immer mal wieder rein! 😊



Depression und Lichtblicke

Japan Posted on Fri, October 20, 2017 05:00AM

Ich geb’s zu – in letzter Zeit war ich etwas schreibfaul.

Das hängt mit dem Tagesablauf zusammen. Der ist ziemlich
vollgepackt. Jeden Tag stehen zwei Stunden Grammatik-und Vokabel-Unterricht auf
dem Tagesplan. Zweimal die Woche eine Stunde Hörverstehen. An zwei Nachmittagen
in der Woche werden jeweils zwanzig neue Kanji gelernt. An einem der Nachmittage
wird Lesen- und Texte verfassen geübt und an den anderen beiden werden die
Schreibfertigkeiten im Kalligraphieunterricht (Shodo) trainiert und im Ikebana
Unterricht (Kado) nicht nur japanische Blumen vorgestellt, sondern auch
generelles über die Japanische Kultur gelernt. (Die Blumen dürfen wir übrigens
behalten und mit nach Hause nehmen!) Obendrauf kommen dann noch die
Hausaufgaben und das Lernen der neuen Wörter, was etwa zwei bis drei Stunden in
Anspruch nimmt.

Volles Programm also. Ein ultimativer Intensiv-Japanisch
Kurs. Auch sehr effektiv muss ich sagen, im Alltag fallen mir immer wieder die
Fortschritte auf. Aber irgendwann kommt man dann einen Punkt, an dem der Kopf
sagt: Nein, es reicht jetzt! Weil er einfach Zeit braucht, alles zu verarbeiten
und zu sortieren…

Ich glaube so ähnlich wie mir jetzt geht es auch den
Japanern während ihrer High School-Zeit. Die ist ziemlich fordernd. Die Uni
soll jedoch wieder etwas lockerer sein – da bin ich ab und zu etwas neidisch,
wenn ich unser Austausch-Studenten-Sonderprogramm mit der „normalen“ Uni
vergleiche… 😊

In der restlichen Zeit gehe ich in die Gym oder Schwimmen, koche, spiele Klavier, lese oder unterhalte mich mit den anderen Leuten hier.
Man kommt irgendwie schnell in einen Trott rein, jeder Tag ist ähnlich. Und ab
und zu geht mir das auf den Geist! Es ist fast als ob man sich in einer Blase
bewegt und nicht wirklich Neues erlebt. Ich bin hergekommen, um Japan und seine
Kultur kennenzulernen. Derzeit sehe ich gefühlt aber nur das Klassenzimmer von
innen oder mein eigenes. Das NERVT!

Und mir fehlt die Leichtigkeit! Alles ist aufs Lernen
ausgerichtet. Ich erwische mich dabei, wie ich versuche, mir eine halbe Stunde
fünf verschiedene Wörter einzuprägen, die alle irgendwie gleich klingen. Und
sie dann doch nicht behalte…

Aber dann kommen doch wieder die Lichtblicke.

Ein Abend, den man zusammen in einer Izakaya mit japanischer
Hausmannskost, Pflaumenwein und Bier verbringt.

Ein gemeinsames Mittagsessen in der (echt leckeren!)
Schulkantine mit japanischen Bekannten. Und man kann tatsächlich verstehen, was
sie sagen und auch antworten!

Nächtliche Tanzeinlagen im Gemeinschaftsraum, um den Kopf
wieder frei zu kriegen.

LINE-Messenger-Nachrichten von Japanern, die man plötzlich
auf Anhieb lesen und verstehen kann.

Anna aus Deutschland meint übrigens, es sei normal, dass
nach der ersten Freude und Euphorie in einem neuen Land das „emotionale Tief“
kommt, in dem man alles furchtbar findet und nach Hause möchte. 😀 Hahaha,
hiiiier! Mir fehlt meine Familie. Der Wald. Und ich möchte Kastanien und Pilze
sammeln gehen und am Wochenende mit meinen Freunden feiern.

Aber wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich hier bei Weitem
noch nicht genug gesehen, um mit gutem Gewissen einfach wieder nach Hause fahren
zu können. Daher werde ich es hier wohl noch ein Weilchen aushalten. 😊

Außerdem: nächste Woche steht endlich die Exkursion nach
Nara und Kyoto an. Danach haben wir fünf Tage frei, die ich in Osaka verbringen
werde. Daher: Kopf hoch und weiter geht’s.

Nächstes
Mal: How to make friends with Japanese.



Getting to know… Nagoya & Environment

Reise Posted on Sat, September 30, 2017 05:14AM

Da ich mich in Nagakute, dem Stadtteil, in dem ich wohne,
langsam ziemlich gut auskenne, wird es langsam Zeit, auch die weitere Umgebung
genauer zu erkunden. Dafür lässt sich das Wochenende gut nutzen. Ursprünglich
wollte ich zwar mit ein paar Leuten aus dem iHouse nach Tokyo fahren, aber für
zwei Tage lohnt sich das einfach kaum. Mit dem Bus braucht man nämlich vier
Stunden und der Schnellzug, der Shinkansen, ist (leider) ziemlich teuer.

Daher habe ich in meinem Reiseführer nach Anregungen für
nähergelegene Ausflugsziele gesucht. Und bin auch gleich fündig geworden:
Inuyama. Eine Stadt, die nördlich von Nagoya liegt und mit dem Zug innerhalb
von 40 Minuten zu erreichen ist. Die Bilder vom Schloss und der typisch
japanisch aussehenden Innenstadt haben mich gleich überzeugt. Und als ich
Misaki von meinen Plänen berichte, stößt die Japanerin ein verzücktes: „Ohhh,
Inuyama!“ aus, das mich in meinem Vorhaben noch bestärkt. Also nichts wie hin!

Nach einigem Gewusel im Dschungel der Tarifpreise, die wohl
so übersichtlich wie die deutschen sind, entscheide ich mich für ein Nagoya-Wochenend-Tagesticket
für 600 Yen und für die Zugfahrt vom Bahnhof nach Inuyama eine Manaca-Karte zu
benutzen. Das ist eine Karte für das öffentliche Transportsystem, die man für
ein Pfand erwerben und mit Geld aufladen kann. Möchte man mit der U-Bahn oder
den Zügen irgendwo hinfahren, kann man einfach mit der Karte einchecken und den
gewünschten Zug nehmen. Am Zielort checkt man dann wieder aus und bekommt
automatisch den Preis für die Entfernung ermittelt und von der Karte abgebucht.
Kinderleicht also! Und wenn man nicht genügend Guthaben auf der Karte hat um
den Bahnhof wieder zu verlassen, kann man sie einfach direkt am Automaten wieder
aufladen. Ich wette übrigens darum, dass sich nicht mal die Hälfte der Japaner tatsächlich
mit dem Tarifsystem auskennt und einfach mit der Manaca-Karte fährt. Die ist
einfach praktisch!

In Inuyama war es richtig schön. Es liegt direkt an dem
malerischen Fluss Kiso, der auch japanischer Rhein genannt wird. Auf einer
Anhöhe thront das Inuyama Schloss, das älteste, noch erhaltene Schloss in
Japan! Auch gab es viele Schreine. (Aichi ist übrigens die Präfektur mit den
meisten Schreinen und Tempeln in Japan). Und es gab eine wunderschöne
Einkaufsstraße in der Innenstadt, mit vielen Essensständen und buntem Gewimmel…
Viele der Mädchen trugen Yukatas, die Sommerversion der Kimonos. Inuyama ist
eigentlich genau so, wie ich mir japanische Städte immer vorgestellt habe – und
alles sieht tatsächlich ein bisschen so aus, wie man es aus den Animes kennt.

Zuhause habe ich dann noch einmal den Stadtplan von Nagoya
gecheckt und bemerkt, dass ich hier bereits einige Orte schon erkundet habe,
wie z.B. den Osu Kannon Tempel mit anschließender Osu Shopping District, den
Fernsehturm, sowie den Brunnen auf dem Oasis21-Shopping-Center. Ich finde es
ist sehr schönes Gefühl, wenn man bemerkt, dass ein Ort, der einem anfangs sehr
groß und unüberschaubar erschienen ist, langsam an Vertrautheit gewinnt. Als
nächstes möchte ich mir den Tokugawa Garten und den Hoshigaoka Campus, der auch
zu unserer Uni gehört, anschauen. Auch das Nagoya Schloss habe ich noch nicht
angeschaut, es steht aber ganz oben auf der Liste. 😊
Im Oktober wird es im Osu Shopping District wohl ein Streetfestival geben, von
dem ich schon einige Leute habe reden hören. Darauf bin ich schon gespannt!



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