Diesen Eintrag wollte ich eigentlich schon länger schreiben.
Jetzt tue ich es endlich mal. Es ist Freitagabend, ich habe eine Woche voller
bunter, toller Erfahrungen und Erlebnisse in Osaka, Kyoto und Nara hinter mir
und freue mich auf Morgen. Da werde ich mit zwei Mädels von hier ins Kiso
Valley zum Wandern fahren.

Seit über zwei Monaten bin ich jetzt schon in Japan und
studiere die japanische Sprache. Ich erinnere mich gut daran, wie ich vor ein
paar Wochen sehr, sehr deprimiert war, weil ich das Gefühl hatte, keine Japaner
kennenzulernen. Also im Sinne von mehr als übers Wetter reden oder zu erklären,
was man denn so toll an Japan findet. Ich hatte das Gefühl, nicht richtig aus
meiner „Blase“ rauszukommen: Unterricht, Gym oder Pool, Einkaufen, Kochen, mit
den Internationals im iHouse quatschen und Hausaufgaben am Abend…

Bei den gelegentlichen Partys und Veranstaltungen, die die
Japaner für uns veranstalteten, war ich eher ziemlich gestresst, weil es immer
einen ziemlichen genauen Plan gab, wann was gemacht werden sollte. Ich konnte
trotzdem mit vielen Leuten reden, hatte aber immer im Hinterkopf diese
Gelegenheiten gut nutzen zu müssen, weil es nicht so viele Überschneidungen mit
dem Alltag der Japaner gab… So sammelte ich viele LINE-Kontakte, hatte aber im
Endeffekt keinen großen Überblick darüber, wer jetzt wer war.

Dennoch… filterte sich dann ein Mädchen heraus, das mir auch
öfter mal in der Uni über den Weg lief und mit dem ich mich dann zum Essen
verabredete. Übrigens ist es wirklich ein merkwürdiges Gefühl, wenn jemand
freudestrahlend auf dich zukommt und deinen Namen kennt, du im Gegenzug aber im
ersten Moment noch nicht mal einordnen kannst, woher ihr euch kennt… Aber hey,
da wir Europäer so anders aussehen, haben die Japaner hier wirklich einen
großen Vorteil! Ich bin übrigens nicht die einzige, die ein bisschen Probleme
hatte, sich Namen und Gesichter zu merken. Aber gut fühlt man sich dabei
trotzdem nicht.

(Mittlerweile würde ich aber sagen, dass ich schon besser
darin geworden bin. Und am besten ist es, immer nur wenige Namen zu lernen und
sich Eselsbrücken zu bauen. Manche klingen nämlich wie Blumen oder Farben. Oder
was zu Essen…)

Jedenfalls – Nummern zu bekommen ist gar nicht so schwer.
Vor allem hat man wirklich einen gewissen Europäer-Bonus: Ich glaube, wenn ich
jedes Mal etwas Geld bekommen würde, wenn mich ein Mädchen anstatt mit „Hallo“
einfach mit dem Ausruf: „Kawaii!“ begrüßt und staunend anstarrt, wäre ich jetzt
richtig, richtig reich… Das ist anfangs ganz cool, aber irgendwann nervt es,
weil man sich doch sehr wie ein Objekt vorkommt. Und sich Sorgen darübermacht,
ob einen die Leute nur mögen, weil man eben aussieht, wie man aussieht. (Es
wird übrigens auch nicht besser, wenn wildfremde Mädchen dich in der Umkleide
ansprechen und ein Foto mit dir machen möchten.) Wenn man das Ganze aber mit
einem Lächeln und Schulterzucken sehen kann, ist es aber auch möglich, sich auf
die guten Seiten zu konzentrieren: Es ist ziemlich einfach, überhaupt in
Kontakt miteinander zu kommen. Europäer sind so gesehen erst mal verschlossener
würde ich sagen.

Also musste ich eigentlich einfach nur noch an einen Ort
gehen, wo man viele Japaner in ungezwungener Atmosphäre treffen kann und den
Mund aufmachen. Bei uns wären das vielleicht Studentenkneipen. Oder irgendwelche
Fachschafts-Partys. So etwas gibt es hier (leider) eher weniger. Die typische
Studenten-Atmosphäre in der man immer mal wieder zusammen ein Bier trinken
geht, herrscht hier weniger. Liegt vermutlich auch daran, dass der Konsum von
Alkohol erst ab 20 legal ist.

Wunderbarerweise gibt es hier aber eine andere Möglichkeit,
sich zu sozialisieren: Club-Aktivitäten! Nach dem Unterricht oder der
Universität ist es für Japaner ganz normal, noch gemeinsam Sport zu machen oder
ein anderes Hobby zu teilen. Daher war die Frage eigentlich eher: Wo finde ich
Leute, die sich für die gleichen Sachen interessieren wie ich? Ich liebe es, zu
tanzen. Deswegen bin ich einfach zum Treffen des HipHop und Jazz-Tanz-Clubs
gegangen. Das war recht aufregend, denn ich bin da ganz alleine hin. Ich kam
mir echt wie der bunte Hund vor. Im Endeffekt war es aber eine echt tolle
Entscheidung. Denn sobald ich einfach zu einer Gruppe von Mädels freundlich
Hallo gesagt hatte und erklärt hatte, was ich wollte, wurde ich mit offenen
Armen empfangen und integriert. Japaner sind wirklich sehr hilfsbereit! Solange
du einfach den Mumm hast, auf sie zuzugehen, kommt eigentlich immer was zurück.
Zum Club werde ich aber erst ab nächster Woche gehen, weil dann mit einer neuen
Choreographie angefangen wird.

Was sich aber sonst noch ergeben hat, ist der Volleyball-Club:
Dorthin hat mich mein Buddy mitgenommen. Obwohl ich zu meiner Schulzeit
eigentlich kein großer Fan von Volleyball war, gehe ich jetzt seit etwa einem
Monat zu den Treffen. Da der Club über 100 Mitglieder hat, geht es sehr locker
zu und die Teams werden immer wieder durchgemischt. Da auf den zwei
Spielfeldern immer nur 24 Leute aktiv spielen können, bleibt viel Zeit, sich
mit den anderen Leuten zu unterhalten. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal
sagen würde, aber ich bin wirklich froh, so lange in der Schule Volleyball
gelernt zu haben. So ist es echt angenehm, zu spielen, während man Kontakte
knüpft. 😊

Weiterhin lerne ich auch durch die Japanerinnen, die im
iHouse wohnen, Leute kennen oder die Bewohner, die schon das zweite Jahr hier
sind, bringen ihre Freunde mit. Bezüglich Freizeitplanung ist mir eines
aufgefallen: Hier wird gerne weit im Voraus geplant. Es ist nicht selten, dass
ich mich mit jemandem in zwei Wochen zum Essen verabrede. Oder ein Ausflug
geplant wird, der erst in einem Monat stattfinden wird. Anfangs hatte ich
deswegen das Gefühl, dass sich nichts tut. Wenn man dann aber etwas macht, wird
es meistens richtig cool. Deswegen braucht man hier einfach etwas Geduld… (Und
wenn man viele Pläne im Voraus macht, ist irgendwann immer was los. 😉)

Zum Schluss reiße ich noch das Thema Gender an: Man sieht
hier wenig gemischte Freundeskreise. Meist bleiben Mann und Frau eher unter
sich. Deswegen hat Miles zum Beispiel recht schwer, sich mit den Leuten in
seinem Studiengang (Global Communication) anzufreunden. Das sind nämlich nur
Mädels. Und die kichern dann ziemlich viel, wenn der aus dem Ausland mit ihnen
spricht und fühlen sich schnell angebaggert. Meine Japanerin hat mir jedenfalls
erzählt, dass die japanischen Kerle meistens entweder schüchtern sind oder sich
mehr für Anime und Games interessieren, als für Mädels. Deshalb wird Kontakt
von männlicher Seite wohl schnell als Anmache gesehen… Im Volleyball-Club kommt
mir das aber nicht so vor. Da habe ich das Gefühl, dass alle sehr locker und
freundschaftlich miteinander umgehen. Das liegt aber vielleicht auch an der
ungezwungenen Atmosphäre? Ich bin jedenfalls echt froh drüber.

Nun verabschiede ich mich wieder bis zum nächsten Mal. Es
tut mir Leid, wenn ich nur spärlich schreibe, aber ich hoffe ihr bleibt mir
trotzdem treu und schaut immer mal wieder rein! 😊